Wir lieben neue Reize

Unser Gehirn ist neugierig. Ständige neue Informationen werden von unserem Gehirn erst mal als etwas Gutes wahrgenommen. Stillstand ist Rückschritt. Eine Studie von Wittmann et al. (2007) zeigte, dass bereits die Erwartung von etwas Neuem das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert und Dopamin ausschüttet (ein wichtiger Neurotransmitter für Antrieb). Also treibt Dopamin uns ständig an neue Reize zu erhalten – Telefonieren beim Autofahren, Podcast hören beim Einkaufen, Hörbuch beim Einschlafen, am Handy Scrollen im Restaurant. Laut der Postbank Digitalstudie 2025 sind wir im Schnitt knapp 72 Stunden pro Woche online – umgerechnet drei volle Tage.

Wir haben zu viele Reize

Ich laufe und sehe den Weg vor mir, ich höre einen Mann telefonieren, ich schau auf mein Handy und höre parallel eine Sprachnachricht ab, ich rieche das Parfüm der Vorderfrau, ich denke an den Einkauf heute Abend und was ich eigentlich zum Abendessen kochen soll, ich bekomme eine Benachrichtigung von der Auto-Werkstatt. Multitasking-Fähigkeit.

Eine aktuelle Studie von Becker et al. (2023) konnte zeigen, dass Multitasking und Unterbrechungen der aktuellen Tätigkeit das sympathische Nervensystem (Sympathikus) aktivieren – also genau den Teil des Körpers, der für „Alarmbereitschaft“ zuständig ist.

Der Gegenspieler – das parasympathische Nervensystem (Parasympathikus) – fährt uns wieder runter und sorgt für Ruhe, Regeneration und Erholung.

Das Problem: Bleibt der Sympathikus dauerhaft aktiviert, fällt es dem Körper immer schwerer wirklich „runterzufahren“ und in den Parasympathikus zu schalten. Wir sind überreizt.

So erkennst Du, ob Du bereits „überreizt“ bist:

  • unkonzentriert und vergesslich (an der Kasse im Supermarkt stehen und erinnern, dass man Tomaten vergessen hat)
  • reizbar (Dinge sind plötzlich zu laut oder nerven/stören einen sehr schnell)
  • immer noch erschöpft trotz Schlaf
  • Nachts aufwachen

So misst Du, ob Du bereits „überreizt bist:

  • die Herzratenvariabilität (HRV) zeigt die feinen zeitlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Herzschlägen
  • der Abstand zwischen den einzelnen Herzschlägen ist nie genau gleich und wird durch das Zusammenspiel des Sympathikus und Parasympathikus beeinflusst
  • die HRV gibt also an, wie gut unser Körper zwischen Anspannung und Entspannung wechselt

Wir reduzieren Reize

In vielen Situation lässt sich es nicht vermeiden. Natürlich nicht. Ich rede nicht von Isolation im Wald mit einem Aluhut auf dem Kopf 😉. Nicht alles auf einmal. Schritt für Schritt. Es ist ein Prozess.

Sind wir mal ehrlich – es gibt jede Menge Situationen im Alltag, in denen zusätzliche Reize vermeidbar sind. Fange mit einem Reality-Check an und betrachte Dich selbst aus der Vogelperspektive – wo kannst Du auf zusätzliche Reize verzichten? Zum Beispiel:

  • Handy aus dem Schlafzimmer verbannen & Wecker kaufen
  • Essen ohne Fernsehen
  • Handy grundsätzlich nie auf den Esstisch ablegen (zum Beispiel im Restaurant)
  • Spazierengehen ohne Musik
  • Putzen ohne Podcast
  • Handy nicht am Körper tragen (zum Beispiel im Rucksack)
  • beim Autofahren, wirklich nur Auto fahren
  • AirPods mit Noise Canceling
  • kreiere Handy-Tabu-Zonen (beim Essen, mit Partner:in oder mit Freunden)
  • Benachrichtigungen deaktivieren
  • Social Media deinstallieren
  • Ein kleines E-Book in die Hosentasche verstauen und immer rausholen, wenn einem „langweilig“ wird

Genieße es, Dich auf nur eine Sache zu konzentrieren. Finde ein Hobby, bei dem Du Dich nur auf das Hobby konzentrierst (zum Beispiel Gitarre spielen oder Lesen ohne Hintergrundmusik).

Genieße die Stille im Wald oder beim Meditieren. Fange mit der Meditationstechnik „der Countdown“ an – setze Dich bequem hin, schließe die Augen, atme tief und ruhig, zähle langsam von 20 runter und stelle Dir dabei jede einzelne Zahl vor.

Nutze die dazu gewonnene Zeit, die 72 Stunden pro Woche, die Du nun weniger online verbringst, und pflege Deine „Offline-Kontakte“. Die fast 80 Jahre alte Harvard-Studie zum Thema Glück, hat nachgewiesen, dass enge Beziehungen wie Partner:in, Familie, Freunde und soziale Kreise in einem starken Zusammenhang mit Glück stehen.

Es ist leicht, sich zu isolieren, sich in der Arbeit zu verlieren und sich nicht daran zu erinnern: „Oh, ich habe diese Freunde lange nicht mehr gesehen“

– Direktor des Projekts „Glück“, Dr. Robert Waldinger